in interkulturellen Kontexten
in Jugendhilfe und Schule
Kurzbeschreibung des Forschungsvorhabens
Im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend wird seit November 2005 das Praxisforschungsprojekt "Konfliktbearbeitung in interkulturellen Kontexten in Jugendhilfe und Schule" mit einer Laufzeit von drei Jahren durchgeführt, und zwar von drei sozialwissenschaftlichen Instituten gemeinsam: Camino - Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im Sozialen Bereich gGmbH in Berlin, Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz e.V. (ism) und Institut des Rauhen Hauses für Soziale Praxis gGmbH (isp) in Hamburg. Das isp hat die Koordination für das gesamte Forschungsvorhaben übernommen.
Ausgangslage
In der Diskussion um Jugendgewalt und die Implementierung von gewaltfreien Modellen der Konfliktbewältigung in Einrichtungen von Jugendhilfe und Schule wird zunehmend thematisiert, inwieweit auch Jugendliche mit Migrationshintergrund einbezogen bzw. ob deren kulturelle und sozio-ökonomische Rahmenbedingungen ausreichend berücksichtigt werden. Diese Diskussionen beziehen sich zum einen auf Jugendliche mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund, zum anderen auf Jugendliche aus Aussiedlerfamilien. In diesem Kontext sind sozio-ökonomische und sozialräumliche, aber auch migrations- und sozialisationsbedingte sowie kultur- und milieuspezifische Faktoren zu beachten. Von besonderer Bedeutung sind vor allem die hohe Jugendarbeitslosigkeit und die damit verbundene Perspektivlosigkeit sowie ein Mangel an gesellschaftlicher Anerkennung und Teilhabe. Hinzu kommen die Mängel eines Bildungssystems, das es bislang nicht vermag, Schüler/innen unabhängig von ihrer sozialen und ethnischen Herkunft angemessen zu fördern. Niedrige Bildungsabschlüsse und eine geringe Ausbildungsbeteiligung haben zur Folge, dass diese Jugendlichen deutlich weniger Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Eine wichtige Rolle spielen weiterhin selektive Wanderungsprozesse, die wir in vielen Städten konstatieren können und in deren Folge Verarmungsprozesse in Stadtteilen zu beobachten sind, die durch einen hohen Anteil von nichtdeutscher Bevölkerung gekennzeichnet sind.
Auf die aus diesen Erfahrungen folgende Verunsicherung reagieren Jugendliche auf unterschiedliche Art und Weise. Abkapselung und Rückgriffe auf tradierte Werte und die "eigene" Kultur, ein verstärkter Hang zu fundamentalistischen Einstellungen, aber auch Aggressivität sowie Gewalt- und Dominanzverhalten können als Reaktionen auf Marginalisierung und Benachteiligung verstanden werden. Je mehr sich die hiesigen Lebensbedingungen verschärfen, desto näher liegt eine Rückbeziehung auf überlieferte Werte. Unbestritten ist, dass nur ein Teil dieser Jugendlichen zu auffälligem und gewalttätigem Verhalten neigt. Allerdings lässt sich eine zunehmende Stigmatisierung feststellen, das Handeln Einzelner wird immer häufiger als charakteristisches Merkmal einer sozialen oder ethnischen Gruppe verstanden. So entstehen Zuschreibungen, die es erschweren, konstruktive Wege der Konfliktbewältigung zu beschreiten
(Vgl. beispielsweise die Studie von Sabine Behn/Heinz J. de Vries, Jugendgewalt und ethnische Zuordnungen in einem Berliner Innenstadtviertel, Berlin 2002.).
Konflikte mit Beteiligung von Jugendlichen migrantischer Herkunft spielen sich an vielen Orten ab. Auseinandersetzungen im öffentlichen Raum nehmen hier eine besondere Rolle ein. Aber auch in den Einrichtungen, in denen sich die Jugendlichen aufhalten, wird verstärkt ein problematischer Umgang mit Konflikten konstatiert. Insbesondere in Institutionen, die starren Regeln unterworfen sind (z.B. die Schule), kommt es zu Eskalationen, zu Reaktionen, die von Hilflosigkeit geprägt sind, und in der Folge zu Ausgrenzungen der "schwierigen" Jugendlichen. Auch im Bereich der Jugendarbeit, der größere Handlungsspielräume bietet, fühlen sich die Mitarbeiter/innen oft überfordert in der Auseinandersetzung mit Jugendlichen migrantischer Herkunft.
Mit dieser Situation sehen sich die Pädagog/innen konfrontiert, die mit diesen Jugendlichen arbeiten, seien es Sozialarbeiter/innen oder Lehrer/innen. Sie erleben, dass die gesellschaftlichen Benachteiligungsstrukturen sich in den Einrichtungen widerspiegeln und Konstellationen mit ungleicher Machtverteilung zur Folge haben. Sie müssen sich sowohl mit Konflikten auseinandersetzen, in die deutsche und nichtdeutsche Jugendliche involviert sind, als auch mit Konflikten zwischen Jugendlichen unterschiedlicher Ethnien – bei denen häufig hier unbekannte kulturelle Hintergründe eine wichtige Rolle spielen. Andere Konflikte, die vordergründig als "Disziplinschwierigkeiten" angesehen werden, resultieren aus der mangelhaften Integration der Jugendlichen in die Institutionen – die in solchen Fällen natürlich ganz besonders gefordert sind. Hierbei ist zu beachten, dass Mädchen und Jungen trotz oft gleicher kultureller und sozio-ökonomischer Hintergünde ein unterschiedliches Konfliktverhalten an den Tag legen. Viele Pädagog/innen sind nur unzureichend auf diese verstärkt auftretenden Probleme im Umgang mit Jugendlichen mit Migrationshintergrund vorbereitet. Sprachschwierigkeiten, Unsicherheit im Umgang mit dem Gewalt- und Dominanzverhalten vieler männlicher und z.T. weiblicher Jugendlicher sowie nur vage Kenntnisse um ethnische, soziale und religiöse Hintergründe sind hierbei wichtige Faktoren.
Mittlerweile existieren zwar praktische Erfahrungen über den Umgang mit Konflikten in interkulturellen Kontexten, die jedoch bislang nicht verallgemeinert der Fachöffentlichkeit zur Verfügung stehen. Gemeint sind Projekte im In- und Ausland, die interkulturelle Konfliktbearbeitung zum Inhalt haben. Ein Erfahrungsaustausch über diese Thematik findet selten statt, da das Thema häufig politisch besetzt ist und Raum für Vorurteile, Zuschreibungen oder Verharmlosungen bietet.
Ziele des Forschungsvorhabens
Das Projekt "Konfliktbearbeitung in interkulturellen Kontexten" hat sich als Ziel gesetzt, vorhandene Konzepte und Erfahrungsmodelle in diesem Bereich gemeinsam mit Expert/innen aus Praxis und Forschung zu bewerten und auf dieser Grundlage Zukunftsmodelle zu entwickeln, wie interkulturelle und interethnische Konflikte in unterschiedlichen Feldern der Jugendhilfe und insbesondere an der Schnittstelle zur Schule sowie im Rahmen von Ganztagsschulen bearbeitet werden können. Denn die Veränderungen der Lebenswelten und -perspektiven von Jugendlichen verlangen nach Innovationen. Neue Handlungs-/Problemfelder erfordern allerdings nicht immer neue Arbeitsansätze, sondern häufig können bewährte Konzepte auf die neue Situation hin modifiziert, weiterentwickelt und neu kombiniert werden.
Im Einzelnen werden bei der Durchführung des Forschungsvorhabens folgende Ziele verfolgt: